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Die Mitarbeitergrau

Für faule Gesellen ist das Gerberhandwerk nicht das richtige. Noch vor Hundert Jahren stehen die Gerber mindestens zwölf Stunden, zu Messezeiten auch mal rund um die Uhr, in Schürzen und Holzschuhen am Gerberbaum. Das Gewerbe ist ein hartes Brot - immerhin gibt es reichlich zu essen. Und trotz aller Plackerei gehört die Zunft der Rotgerber zu den vornehmsten Handwerksberufen.

Firmengründer Christian David Oehler bringt es nach 1840 gar zum Oberzunftmeister. Zwei Gesellen und zwei Lehrlinge finden in seinem jungen Betrieb Arbeit - auch später, als die Industrialisierung bereits in vollem Gange ist und Tausende von Handwerksgesellen arbeitslos werden. Meister Oehler - traditionell in gelber Schürze mit grünem Band - steht stets mit in der Werkstatt.

Im vergangenen Jahrhundert gehört es nicht nur zum guten Ton, es ist eine Selbstverständlichkeit, dass frisch gebackene Gesellen auf Wanderschaft gehen, um Erfahrungen zu sammeln. Und heute pflegt die Zunft wieder die gute Sitte: Junggerber sind begehrte Arbeitskräfte und werden von großen Gerbereien in Asien oder Südamerika angeworben. Denn inzwischen ist die Berufswahl recht exotisch. Nur noch 50 bis 60 Absolventen verlassen alle zwei Jahre Deutschlands einzige Gerberschule in Reutlingen - mit einer hervorragenden Ausbildung und attraktiven Jobangeboten in der Tasche.

Wer bei Oehler in Marbach eine Stelle annimmt, den erwartet ein Betrieb mit modernster Technik, in dem gleichzeitig eine über 190 Jahre alte Tradition gepflegt wird. 45 Mitarbeiter sind heute in dem Unternehmen beschäftigt, und die Familienhistorie der Oehlers wiederholt sich bei der Belegschaft. Manch ein Gerber hat schon unter Eugen Oehler gewalkt und zugerichtet Bei anderen stand der Vater oder gar der Großvater bei Oehler in Lohn und Brot. Und so soll es auch weitergehen, denn der Gerberberuf ist noch längst nicht reif fürs Museum.